18.12.2013

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Morgens um 7:30 Uhr war ich pünktlich an vereinbarter Stelle um zur Minibusstation gebracht zu werden. Irgendwas lief wohl schief. Wahrscheinlich haben sie den Rucksack nicht stehen sehen, da ich mich wegen des starken Regens untergestellt hatte. Es gibt Situationen bei denen selbst die Laoten etwas hektisch werden. Zig Telefongespräche, wildes Gefuchtele mit den Unterarmen. Es war eigentlich noch genügend Zeit und ich versuchte das Ganze zu beruhigen. Wie auch immer, ich wurde dann samt Rucksack, Bücherpaket und Umhängetasche aufs Moped geschnallt und mit Tatü Tata zur Busstation gebracht.
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Der Minibus fuhr planmäßig 45 Minuten später ab.

Auf dem ganzen Weg hörte der Regen nicht auf und wir waren mit 10 Stunden für 300 km nicht viel schneller als der öffentliche Verkehr. Ich hatte einen Superplatz am Beifahrersitz, musste mich aber gegen den Fahrer durchsetzen, der mein Fenster immer wieder runterfahren hat lassen. Schließlich schloss ich die Augen, um beim nächsten Augenaufschlag nur Nebel zu sehen. Die Scheibe war so angeschlagen, dass der Fahrer nur ein kleines Sichtfenster für sich freigerubbelt hat. Also hab ich schnell mein Beifahrerfenster wieder auf gemacht.

Übrigens fuhr der Fahrer auch mit freier Sicht den ganzen Weg auf Anschlag, leicht vornübergebeugt, voll konzentriert und als ob wir einen dringenden Termin in jedem nächsten Ort hätten. Selbst der Schnaps in den Kneipen auf dem Weg entspannte ihn nicht ausreichend.

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In Luang Namtha kam ich ziemlich zermatscht gegen 8 Uhr Abends an und musste noch kurz um ein freies Zimmer bangen.

Montag morgen hab ich dann lange auf den Abholdienst warten müssen, denn die Straßen und einige Häuser waren überschwemmt.

Wir konnten Rollen für die geplanten Regale finden. Der Schreiner hatte noch nicht angefangen, denn er wollte noch auf meine Ankunft warten, nicht etwa wegen der Konstruktion, sondern um sicher zu sein, dass es auch eine echte Bestellung ist.

Es war keine Vorauskasse, aber er wollte mich noch mal zu Gesicht bekommen.

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Der geplante Start des zweiten Teil des Workshops wurde noch um einen Tag verschoben. Erstens wussten die Lehrer irgendwie doch nicht Bescheid, zweitens konnte wegen dem Hochwasser kaum jemand ans College gelangen und drittens war wieder eine Hochzeit im Gange. Hier in Luang Namtha feiert man am Nachmittag, da es Abends meist zu kalt ist um diese Jahreszeit.

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Ein Paar Impressionen wie es hier aussieht. Bild oben .... Schleppen einer Eisbox. Egal wie kalt es auch immer ist: Eis gehört ins Beer Lao.

Bild unten: Ein alltägliches Bild überall wo eine Party stattfindet, an jeder Ecke stapeln sich die Stühle. Stuhlverleih sollte hier ein lukratives Unternehmen sein.

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Der Workshop am TTC ging also am 17. weiter.

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Ein Grund warum ich schon länger nicht mehr geschrieben habe ist neben der mangelnden Zeit und Muse auch, dass ich kaum beschreiben kann, was ich hier dieses mal erlebt habe. Man könnte es als ein ständiges Auf und Ab bezeichnen.  Stumpfes Warten im Wechsel mit totaler Action.
Fortschritte gepaart mit ständigen Missverständnisse.

Würde ich schreiben, ich bin gegen Wände gelaufen, dann stimmt das auch nicht. Ich hätte mich eher über eine Wand gefreut auf die ich stoßen würde. Es war manchmal wie im luftleerem Raum. Ich habe das Gefühl gehabt, nirgends etwas bleibendes aufhängen zu können. Genug da zu lassen damit die Lehrer hier weiterarbeiten können. Und manchmal dachte ich, das Ganze ist zu groß für mich.

Dieses Jahr gab es große Probleme mit der Verständigung. Der Übersetzer war einfach zu unmotiviert, ungenau und oft nicht anwesend. Am Schlimmsten fand ich allerdings, das mit Entschuldigungsbekundigungen für das "Nicht da sein" gleichzeitig die übereifrige daraufeinsetzende Übersetzung in keinerlei Zusammenhang mit dem stand, was ich vorher mühsam mit Händen und Füßen erarbeitet habe. Das hat sehr viel aus dem Konzept gebracht.

Das hat vor allem wohl daran gelegen, dass Phoutta (mein Kontaktmann von letztem Jahr) leider seinen Staatsposten aufgegeben hat und zu Plan gewechselt ist. Von unserem Treffen in Oudomsay hatte ich kurz berichtet. Ich habe in meiner Verzweiflung mit ihm telefoniert und er hat versucht, die ganze Sache ein wenig zu richten. Auch habe ich vergeblich versucht, einen Übersetzer zu bekommen. Mittlerweile bin ich mir auch sicher, dass die Übersetzung am ersten Tag beim Direktor nicht genau funktioniert hat. Ting (dem Übersetzer) ist bis heute noch nicht klar um was es mir eigentlich geht.

Ich möchte mit diesem Projekt die Grundschulen hier in Laos erreichen. Es ist dringend nötig, den Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Deshalb bin ich hier genau an der richtigen Stelle, bei der Ausbildung der Lehrer. Von hier aus sollten dann die Material- und Lernboxen an die Schulen gehen. Hier am College sollten die Schulungen stattfinden. Dafür habe ich 4 Jahre angesetzt. Ich wollte, und will eigentlich immer noch, den Menschen hier einen Anstoss und einen Ansporn zum eigenständigem Denken und Handeln zu geben. Ich glaub manchmal, ich hab mir da zu viel vorgenommen. Eigene Gedanken sind schwer aus den Lehrern herauszukitzlen, eigenes Handeln steht dem in nichts nach.

Das "miteinander" arbeiten im Workshop war also eher mühsam.
Manche Teilnehmer waren nicht freigestellt worden und dadurch nicht regelmäßig da.
Planbar war eigentlich nichts. Von einer ersten Probekiste, die gepackt werden sollte, weit entfernt. Das bedeutete für mich ständiges Umdenken.

Betrachten wir jetzt aber erst mal das Ergebnis... wird alles besser ;-)

Was wir erreicht haben:

Die Regale wurden gebaut

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Eine Vitrine wurde besorgt.
Der Raum pro forma gesäubert.

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Das College hat jetzt eine gut eingerichtete Bibliothek und eine Ausstellung zum Thema: Lernen mit Mathematikmaterial

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Dort können eigene Materialien hergestellt werden.
Die nötigsten Werkzeuge sind so weit wie möglich besorgt.

Die Lernmaterialien können ausgeliehen werden.
Einige liegen schon in Kisten bereit.

Dem Projekt steht nun ein Computer mit Internetzugang und laotischer Tastatur zur Verfügung.

Die Lehrer wurden befähigt, Lehrvideos zu den Materialien vom Internet zu laden und auf dem Computer abzuspeichern. (Am TTC gibt es noch keinen vernünftigen Internetanschluss).

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Englische Suchbegriffe wurden den einzelnen Materialien zugeordnet, die Materialien mit den Suchbegriffen beschriftet.

Englische Suchbegriffe für die mathematischen Ausdrücke (plus, minus ...) wurden erarbeitet und in einer Liste abgelegt. Da hilft noch kein Googleübersetzer ;-).

Die Dateinamen werden in laotischer Schrift und auf Englisch abgespeichert, um möglichst Vielen den Zugang zu den Videos zu verschaffen.

USB-Sticks stehen zur Verfügung, um die Dateien und Filme auszuleihen.

Wir haben Perlenmaterial für den Matheunterricht hergestellt

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Hier hergestelltes Perlenmaterial mit Khamting (links) dem Übersetzer ... immer gut drauf, aber die Übersetzung immer verschwommen ... und ohne bei der Sache zu sein.

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Ausgiebig konnten wir uns mit den Stellenwertmaterialien befassen.

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Ich habe eine kleine Gruppe mit Hoffnungsträgern und Verantwortlichen gebildet.
(Dazu auch bald mehr)

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Bild in einem schönen Touristen-Restaurant in Luang Namtha.
Kurz vor dem Genuss der allerersten PIZZA.


Eine echte Herausforderung war, meinen Standpunkt klar zu machen, vor allem weil der Hauptkritikpunkt der Übersetzer war, der das dann ja auch an alle übersetzen sollte.
Mehr als um die Sprache ging es nämlich um den Sinn, Ting kann durchaus ausreichend Englisch.

Mein Anliegen ist einigermaßen angekommen, alle wissen, dass ich noch nicht sicher bin, ob ich das Projekt hier am College weitermache oder einen anderen Weg suche. Alle wissen, dass die Anzahl der Missverständnisse und ungenauen Terminabsprachen sich drastisch verringern muss, sollte ich je mit einer Gruppe kommen. Im Endeffekt lag das alles aber hauptsächlich an der Schlüsselstelle des Übersetzers.

Mein Plan war, mehr zu beobachten und mehr Aktionen bei den Lehrern fürs kommende Jahr auszulösen. Zeit zum Beobachten hatte ich dieses mal hier am College jetzt wirklich genug. Leider musste ich auch lernen, dass Aktionen auslösen nicht auf dem Weg ging, wie ich es mir erhofft hatte. Um irgendetwas zu erreichen, ist es besser als BIG BOSS aufzutreten, erst mal klare Strukturen vorzugeben und Macht auszustrahlen. Die Eigenständigkeit kommt nur wenn sie von oben herab gefordert wird. Nicht fördern, sondern Fordern ist hier leider noch die Devise, nur so kommt etwas in Gang.

Verantwortlichkeiten sind besser an eine bestimmte Person als an eine Gruppe zu übertragen. (Ganz ehrlich, das ist bei uns doch meist auch noch so).

Und zum Schluss das große Finale:
Alle Erkenntnisse, die ich gewinne, müssen ständig neu überdacht werden, denn alles ist hier im Wandel ... es könnte auch ganz anders sein als ich noch vor 2 Minuten dachte.

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Bild bei der Abschlussbesprechnung mit dem Direktor

Ja und schaut, ich hab ein Zertifikat bekommen.
Das ist doch die Hauptsache (seufz)
Und es gab eine lustige Abschlussfeier, bei der mehr da waren als im Workshop.
Verantwortliche, die sich damit geschmückt haben.

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Ich habe noch von zwei außergewöhnlich schönen Tagen zu berichten.

Demnächst mehr.

Liebe Grüße eure Doris

Addon (wegen der Facebookkommentare):
Es liest sich wohl schlimmer als es ist. Es folgt noch ein schöner Artikel. von einem Besuch an einer Grundschule. Im Ganzen gesehen war die Reise ein Erfolg! Denkt nur an das kleine Schulhaus am Kilometer 39. Das College hier ist mir nur sehr am Herzen gelegen. Es ist eine große Sache für mich hier ist extrem viel zu erreichen. Ist diesmal halt nicht wie geplant gelaufen. Aber die Hoffnungträger werden jetzt regelmäßig Bericht erstatten wie es weiter geht. Außerdem hab ich wieder viel gelernt und ich glaube die Erfahrungen waren wieder wichtig für die nächsten Aktionen. Am km 39 hatte ich letztes Jahr auch gar kein so gutes Gefühl und wollte fast aufgeben. Auch hier haben wir letztes Jahr den Standpunkt klar gemacht. Ich habe nach dem Erlebnis dort beschlossen das auf dieser Reise nichts mehr kommen kann was den Erfolg unserer Aktionen schmälert. MIR GEHTS GUT. ICH FREU MICH AUF DEN GEMEINSAMEN URLAUB MIT NORBERT. Aber mir fällt der Abschied hier auch etwas schwer.  Habe heute Abend alle Freunde hier noch einmal angerufen. Nochmals zur Korrektur .... hier gibt es einige sehr aktive Lehrer .... wir konnten uns nur so schwer verständigen ...

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